Kein Benzin

Kein Benzin

Wir sind zurück von Alchi, dem Ort, in dem es ein kleines Kloster mit unglaublich präzise gearbeiteten Wandmalereien gibt. Ein Meister seines Faches erfreut noch heute die Besucher,nicht persönlich, sondern durch das was bleibt, wenn der Körper längst zu Würmerfutter, Fischfutter, in Rauch aufgegangen oder in einen anderen nützlichen Zustand,der dem Kreislauf des Lebens dienlich ist, überging.
Aber das ist nicht das, was ich erzählen möchte. Wir kommen also von Alchi. Es ist früher Morgen und wir stehen an einer Tankstelle im Vorstadtteil von Leh. Für die Rückfahrt nach Shimla brauchen wir Kocherbenzin. Mewes geht in das Häuschen, in dem er den Tankwart vermutet. Ich sehe ihn in der Tür stehen. Dann ruft er laut: ,,…ob du mir Benzin verkaufen kannst?“ und noch ein weiteres mal: ,,….ob du mir Benzin verkaufen kannst?“
Ich bin verblüfft. Warum schreit er so und warum in Deutsch? So wird es nie mit der Verständigung klappen. Mit säuerlichen Gesichtszügen kommt er zurück.
,,Dieses Indien … ne, das werde ich wohl nie begreifen. Es laufen die schönsten Frauen auf der Straße herum … und da liegen zwei erwachsene Männer kichernd im Bett … ne, ich glaub es nicht … nein, sie können jetzt kein Benzin verkaufen, weil, sie haben keines und sie haben auch keine Zeit und …die beiden wichsen…und ich meine nicht das gegenseitige Schuhe putzen!“

Zurück in Leh, wir sind unterwegs in der Altstadt. Immer noch die Episode in der Tankstelle im Kopf, stellt Mewes nach langer Beobachtung fest: ,, Die gucken überhaupt nicht nach Frauen, die gucken nach mir!“ er redet von indischen Männern, die vor den Läden sitzen und auf Kundschaft warten.
,,Ja, und sie alle stehen auf so weiße Knackärsche, wie deinen.“ sage ich feixend.
,,Schau dich doch mal um! Überall Händchen haltende, kuschelnde Männer. Da, der fummelt dem die ganze Zeit am Knie rum…und der Bulle da, kratzt sich zum wiederholten mal die Eier.“ jammert er.
,,Der hat aber die ganze Zeit der Touristin auf den Hintern gestarrt.“ erwidere ich.
,,Eigentlich müsste ich mir mal die Haare schneiden lassen…, aber nun trau ich mich gar nicht mehr zum Frisör…“

Lieber schlecht mitgefahren als schlecht selbst gefahren!?

Das Streckenprofil sieht nicht gut aus, jedenfalls für diese Richtung. Die Linie weist steil und lang nach oben – eine Steigung von 2000 Höhenmetern. Was es nicht aussagt, das im Anschluss ein Plato folgt mit Sand – und Schotterpiste, Gegenwind und nur zum Ende hin, sozusagen als Belohnung der überlebten Strapazen, neuer Asphalt und die Abfahrt nach Pang. Auf dem gesamten Abschnitt gab es bei der ersten Durchquerung kein Trinkwasser. Das bedeutet: das Trink – und Kochwasser für zwei Tage mit zu nehmen sind. Dieses Wissen kann eine sehr unterschiedliche Wirkung auf Radfahrer haben. Die einen, die ,,harten Beißer“, werden sich jeden Meter selbst erkämpfen. Die anderen, die einen sehr wankelmütigen Sportsgeist haben, oft lange über Sinn und Unsinn nachdenken, lassen sich, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben, hinauf tragen. In diesem Fall kategorisieren wir uns in die zweite Schublade. Wir wecken einen LKW – Fahrer, der am Straßenrand parkt. Schlaftrunken erklärt er, das wir aufladen können, er aber erst in drei oder vier Stunden fahren wird. Kein Problem. Mit der Aussicht auf einen easy Tag, sind wir gerne bereit zu warten. Vom Haus gegenüber kommen Schwanz wedelnd zwei struppige Hunde. Die Mimik des kleineren fragt: ,,Kennen wir uns nicht?“ Und meine antwortet: ,,Oh ja, du kleiner Flohsack, bleib mir bloß vom Leib!“ In diesem Haus übernachteten wir auf unserer Hinfahrt.
Er legt sich freudestrahlend neben mich. ,,Gut, das wir uns immer noch verstehen.“ sagen seine Augen.
,, Mhm!“ gebe ich von mir.Wir laden auf und machen es uns auf der Ladefläche gemütlich. Ab und zu schiele ich zum Flohsack, der sichtlich das nicht alleine sein genießt.
Unser Fahrer hat sich umentschieden. Er fühlt sich ausgeschlafen, obwohl seine Augen anderes verraten. Sie sind erschreckend rot. Er startet sein Fahrzeug und los geht’s.
Schon nach den ersten Bodenwellen und Schlaglöchern kontrolliert Mewes die Befestigung der Fahrräder. So eine leere Ladefläche, unser Gewicht außer acht lassend, lässt selbst einen indischen LKW glatt zur Rakete werden. Wir sitzen auf unseren Rucksäcken, die die Stöße bei weitem nicht so gut wie ein Luft gepolsterter Fahrersitz schlucken. Die restlichen Taschen vollführen einen wilden Tanz. Erst der dritte Versuch gelingt, diese ganz nach vorn, wo es nicht so stampft und schaukelt, zu bringen. Die Schwerkraft macht keinen Unterschied zwischen mir und dem Gepäck. Ein aufrechtes Gehen ist unmöglich. Eventuell eine Fortbewegung auf Händen und Knien. Jede Kurvenfahrt droht mich auf den Rücken zu schmeißen. Noch bevor die Serpentinen zum Passanstieg beginnen, plagt Mewes die gefürchtete ,,Seekrankheit“. Bewusst hat er auf die Medikamente verzichtet und behauptet: ,, Im Laster wird es nicht so schlimm, da brauch ich keine!“
Das war wohl ein Irrtum? Er klammert sich an die Heckbordwand. Sein Oberkörper ist weit nach vorn gebeugt. Ich will zu ihm und ihm die Papierrolle geben. Ich schaffe es nicht mich von meinem Platz, der mittlerweile im vorderen Teil der Ladefläche ist, zu lösen. Die Fliehkräfte drücken mich an die Wand. Mein Blick nach draußen erfasst ein gestreiftes Bild der vorbeihuschenden Landschaft. Mewes wankt, sich mal rechts , mal links, mal an der Decke haltend zurück. Ich sehe seine vollgekotzte Jacke und sein verschmiertes Gesicht – und bei aller Liebe – ich kann die Reaktion meines Magens nicht ganz unterdrücken, der plötzlich auf ebenso unheldenhafte Weise seinen Inhalt herausschleudern möchte. Ich robbe auf allen Vieren zum Heck. Der frische Luftzug genügt die peinliche Lage in den Griff zu bekommen. Mewes ist schon wieder hangelnd unterwegs. Diesmal hat es die Räder umgehauhen. Wild hüpfen sie über die Plattform.
Grad hat er sie verzurrt, kniet er neben mir um sich wieder zu übergeben. Schon kurz drauf hat sich ein Rad erneut gelöst. Ich will es halten, habe aber so mit dem eigenen Gleichgewicht zu kämpfen, das ich gar nicht zu ihm gelange. Mewes ruft: ,, Geh nach vorn und bleib dort sitzen! Nicht das du dir den Kopf irgendwo aufschlägst…ich mach das schon!“
Ich frage mich, wie er das anstellen will. Er hat seine Position gewechselt. Er kotzt jetzt im stehen, weil der LKW so wild durch Schlaglöcher hoppelt, dass er sich beinahe die Zähne ausgeschlagen hat. Das ist nicht unbedingt die bessere Stellung, es ist geradezu gefährlich. Er könnte den Halt verlieren und kopfüber hinaus fallen. Ich würde ihn am liebsten ebenso anbinden. Dann liegt er wieder im Staub neben mir. Er sieht fürchterlich aus. Gequält gibt er von sich: ,,Ich glaub ich bin am sterben! Mir ist ja so schlecht!“
Irgendwann legt unser Fahrer bei einer Dhaba, einem Nomadenzelt, das gleichzeitig Hotel und Restaurant ist, einen Stopp ein. Zeit für einen Tee. Der Tanglang La liegt hinter uns. Wir befinden uns auf dem Pang More Plain. Die einzigen, die zu diesem Zeitpunkt etwas zu sich nehmen können sind Fahrer und Beifahrer. Mewes verzichtet, weil der Tee nicht den herkömmlichen Weg gefunden hätte und ich verzichte, weil ich fürchte, er könnte noch vor Pang seinen Weg nach draußen antreten wollen. Die Absicht pinkeln zu müssen hätte ich niemals mitteilen können, weil weder Sicht – noch Sprechkontakt zur Fahrerkabine besteht. Bevor die Tortour fortgesetzt wird erklärt der Fahrer das wir mit nach vorn sollen, dort sitzt man besser. Ich will nicht, weil wir dann die Räder nicht mehr im Auge haben um sie bei Verrutschen gleich wieder befestigen zu können.
Mewes sagt: ,, Ich würde ja lieber vorn sitzen, dann geht es mir bald besser, aber alleine kannst du auf gar keinen Fall hinten drauf. Wenn du bei dem Schwanken mit dem Kopf irgendwo anschlägst und fällst, kriegt das hier keiner mit.“
Wir überlegen: ,,Was soll heil bleiben? Wir oder die Räder?“
Der Fahrer staubt uns bereits ab. Gut, wir steigen mit ins Fahrerhaus. Hier ist es zwar ziemlich eng, dennoch komfortabler. Und Mewes sein Magen kann sich wirklich beruhigen. Was wir erst jetzt sehen, die Sandpiste ist im Vergleich zu zwei Wochen vorher in einem viel schlechteren Zustand. Es sind auch viel mehr Fahrzeuge unterwegs. Selbst auf den drei verschiedenen, wild in die Landschaft gefahrenen Fahrspuren scheint nicht genügend Platz für alle. Man steht sich plötzlich gegenüber, weil man sich nicht entscheiden konnte ob man links oder rechts aneinander vorbei fahren sollte oder wer überhaupt dem anderen ausweicht. Unser Fahrer reißt oft kurz entschlossen das Lenkrad herum. Das wirkt sehr weit weg von dem, was man uns üblicherweise in Fahrschulen beibringt – vorausschauendes Fahren. Aber was soll`s : ,, Einem geschenkten Gaul, schaut man nicht ins Maul.“
In Pang machen wir die zweite Pause. Diese soll eigentlich mehrere Stunden dauern, wird aber nach einer beendet. Das Angebot des Beifahrers die Plätze zu tauschen schlägt der Boss aus. Er kennt die folgende Strecke zu genau. Sie ist gefährlich und dem Jungspund scheint er sie nicht zuzutrauen. Seine Müdigkeit wischt er mit zwei Pillen und Zigaretten der übelsten Sorte beiseite.
Der folgende Abschnitt ist einer der schönsten des Manali – Leh – Highays. Er führt durch eine Felsenschlucht, die sandig, steinig, trotz des Flusses lebensfeindlich und tot wirkt. Und genau diese Kargheit ist das Faszinierende. Es ist die Einsamkeit dieser Landschaft die uns anzieht, die uns Raum lässt unsere Sinne zu schärfen und die Gedanken fließen zu lassen bis sie klar wie ein Gebirgsbach sind. So konnten wir sie jedenfalls bei unserer ersten Durchquerung erleben. Jetzt starren wir sorgenvoll auf die zum Teil durch Erdrutsche sehr eingeengte Piste, in den Abgrund, hinunter zum Fluss und in die Augen der Fahrer die uns laut hupend entgegen kommen. Der unsrige macht uns auf einen Gedenkstein aufmerksam. An dieser Stelle, viele Meter weiter unten landete einer seiner Kollegen. Er hat den Absturz nicht überlebt. Wir sind erleichtert als wir auf dem Lachuglang La Pass stehen. Von hier oben wollen Mewes und der junge Beifahrer mit den Mountenbikes, das Gepäck im LKW lassend, hinabfahren. An der nächsten Dhaba verabschieden wir uns von unserer Mitfahrgelegenheit.

In einem Restaurant in Kaza

Der Morgen startet mit einem lauten, elektronisch verstärktem Geplapper. Wohltuendes Schweigen – nach einer halben Stunde. Es ist nicht vorbei. Mit einem fragenden: ,,Hallo?“ das klingt wie: ,,Hallo, hört mir jemand zu?“ oder ,,Hallo, schon irgendjemand wach?“ setzt der Sprecher seine Rede fort. Was bleibt mir da anderes übrig, als mich aus dem Bett zu wälzen und auf die Suche nach einem stillen Ort an dem man frühstücken kann zu begeben. Es ist ein Sonntagmorgen in Kaza. Ich muss feststellen, das der Weckruf des Predigers nur Erfolg bei Touristen hatte. Die meisten Rolltore sind noch geschlossen. Ein Restaurant lockt mit bemalter Angebotstafel. Mewes und ich gehen hinein. Ein Höllenlärm schlägt uns entgegen. Wenigstens ist es kein Hindi- Pop. Fünf Jungens setzen sich in Bewegung. Einer bringt die Speisekarte. Wir entscheiden uns für das englische Frühstücksmenü, das da Eier, Porridge, Cornflakes, Toast, Butter, Marmelade und Kaffee beinhalten soll. Nach einer halben Stunde teilt man uns mit: ,,Die Marmelade ist aus.“
Gut, verzichten wir auf die Marmelade und bestellen statt dessen noch zwei Kaffee. Und ,, Ja, die Eier sollen beidseitig gebraten werden.“ Nach einer weiteren halben Stunde bekommt Mewes ein Porridge serviert. Ich gehe leer aus.
,, Eh, hallo! Hallo, wir hätten gerne z w e i englische Frühstücke.“
,,Ah, zwei Frühstücke?“
,,Ja, zwei Frühstücke, für zwei Personen. Eins, zwei“ Mewes zeigt auf sich und mich.
Die Bedienung verschwindet in der Küche. Nach weiteren fünfzehn Minuten bekomme auch ich ein Porridge. Eines für Frauen. Es ist eher milchig als körnig. Ich löffle es trotzdem, weil ich auf reichlich Toast und Eier spekuliere und da sollte ja noch mehr kommen.
Die Eier werden serviert, ich schiebe das zu dünn geratene Porridge zur Seite und greife zum Besteck. Beim Routinecheck grinsen mich die Essensreste meines Vorgängers an. Ich gehe nach hinten und suche aus dem Besteckkasten das sauberste heraus. Ausgerechnet heute habe ich mein ,,Schweizer“ im Hotel gelassen.
Mewes bestellt einen schwarzen Tee. Der junge Mann verschwindet, ein anderer kommt zurück und fragt: ,, Sie möchten einen schwarzen Tee?“
,,Ja, ich bestellte bei ihrem Kollegen einen schwarzen Tee.“
Auch er dreht sich weg und geht zur Küche. Ob der Tee kommen wird? Es bleibt spannend. Die Cornflakes tauchen jedenfalls nie auf unserem Tisch auf.

In einem anderen Restaurant stellt ein herein kommender Gast die Frage: ,, Wo ist die Toilette?“
Die Antwort des Kellners: ,, Ist Openair.“ Das bedeutet: draußen – überall.Wir befinden uns mitten in der Stadt! Klingt wie ein Witz, ist aber todernst.

,,Indien Coffee House“

Shimla gilt als eine der schönsten Städte Nordindiens. Hierher flüchten die Wohlhabenden vor der Hitze, die während der Trockenzeit in den Metropolen flimmert. Vielleicht war sie einmal schön? Vielleicht sollte man selbst diesen Begriff in Indien anders definieren. Vielleicht sollte man eher mit dem Herzen sehen als mit den Augen. Oder durch eine Haschischwolke, so wie das viele praktizieren. Auf jeden Fall sollte man sich von den, für indische Verhältnisse viel zu hohen, Zimmerpreisen nicht abschrecken lassen und eine Weile hier zubringen. Denn dann entdeckt man Orte von denen man glaubt, dass es sie in diesem Land nicht gibt, Orte an denen man selbst unter Menschenmassen entspannen kann. So ein Ort ist das ,,Indien Coffee House“.
Sobald man die Tür passiert hat, scheint man in einer anderen Welt zu sein und doch bleibt es Indien. Ein Indien zu einer anderen Zeit. Ein bisschen Kolonialzeit im heute. Der Raum ist ein Saal mit hoher holzgetäfelter Decke. Entlang der Wände sind Lederbänke aufgestellt mit Tischen und Stühlen davor. Die Getränke und Speisekarte hängt, wie eine Schultafel matt grauschwarz der Untergrund, in weiß beschriftet die Angebote darauf gemalt, an jeder Wand. Alles ist mit einem gelblichen Schleier überzogen, der von einem Rauch, der aus einer Zeit stammt, als das Rauchen noch nicht überall verboten war. Obwohl die Einrichtung eher praktisch als gemütlich wirkt, möchte man auch nach drei Stunden noch nicht gehen. Immer wieder winkt man der in altmodischem Stil uniformierten Bedienung, um Kaffee, ein Glas Wasser oder, mittlerweile hungrig geworden, Dosa, ein Linsenmehlpfannkuchen, zu bestellen. Jeden Morgen genießen wir das Ambiente, beobachten die Leute, die zumeist älteren Männer, die hierher kommen und vor dem Gang ins Büro frühstücken, plaudern oder Zeitung lesen. Ihr Umgang miteinander ist äußerst herzlich, ja fast liebevoll.

Monsunbusfahrt

Der Busbahnhof ist voller Menschen, die sich auf den freien Plätzen, welche nicht durch Fahrzeuge belegt sind, drängen. Wir stehen mit den bepackten Rädern unter einem Dachvorsprung und warten auf das Eintreffen unseres Busses nach Banbassa. Als der nachmittägliche Monsunregen einsetzt , wird es noch ein bisschen enger.
Wir sind zwei Stunden zu früh. Am Bahnsteig drei treffen mehre Busse ein und fahren wieder ab. Unserer ist nicht dabei. Zwanzig Minuten vor der Abfahrtszeit ist er immer noch nicht da. Mewes fragt einen Ausrufer. Plötzlich muss alles sehr schnell gehen. Der Bus fährt heute nicht von drei, sonder von fünf. Wir drängeln uns durch den Pulk. Man tritt zur Seite um besser sehen zu können wie wir die Säcke mit den Gepäcktaschen und anschließend die Fahrräder auf das Dach des Busses hieven. Mewes handelt während des Verzurrens den Preis für die Fahrräder mit dem Ticketverkäufer aus. Ich mache es mir bereits auf unseren Sitzplätzen bequem, soweit dies überhaupt auf so beengtem Raum möglich ist. Langsam füllt sich der Fahrgastraum. Hinter uns sitzen ein Mann und ein kleiner Junge. Er beginnt eine Unterhaltung mit Mewes und als er erfährt, dass wir aus Deutschland sind gibt er uns deutlich zu verstehen, das wir seinen Sohn, da er keine Mutter mehr hat, mit nach Europa nehmen sollen. Das Angebot verwundert uns nicht im geringsten. Es ist völlig normal, das Kinder weggegeben werden. Jede Straßenküche hat solch einen Jungen, der die Tische abwischt und die Gäste bedient. Oft hat Mewes versucht ihnen ein Lächeln abzuluchsen. Sie lachen nicht mehr, sie haben es irgendwo im Schmutz der Küchen verloren.

Unser Fahrer drückt aggressiv aufs Gas und im Wechsel abrupt auf die Bremse. Die Straße windet sich über siebzig Kilometer in zahlreichen Kurven hinab in die Ebene. Überraschend wird mir übel. Mewes beobachtet erstaunt mein Öffnen des Fensters und Hinauslehnen. ,, Das hatte ich aber lange nicht, das mir vom Schaukeln schlecht wird. Muss über zwanzig Jahre her sein.“ sage ich.
,,Hier nimm.“ er reicht mir seine Tabletten. Es dauert eine ganze Weile, bis die Wirkung zu spüren ist. Dann endlich sind wir in der Ebene und es geht nur noch geradeaus. Rechts und links fliegen in den Graben geschossene Lkws und Busse an unserem vorbei. Es sind mehr geworden, im Vergleich zu anderen Busfahrten. Liegt das nun an den Indern oder am Monsunregen, der die Straße rutschig macht? Oder an beiden? Die Fahrt wird kurz unterbrochen, weil man vor uns mit Hilfe eines Kranes einen Truck zurück auf die Piste hebt. Der Verirrte kann weiterfahren, ein kurzes Hupen, wir drängeln vorbei und – Vollgas. Irgendetwas gelernt? Augen zu und durch! Wir kommen durch eine Ortschaft, es ist bereits dunkel. Mangelnde Sicht wird durch lautstarkes Hupen kompensiert. Alles was unter einer Tonne wiegt flüchtet von der Piste. Es sei denn es heißt Kuh. Sie gilt als heilig und sollte ihr jemand ein Haar krümmen, bedeutet das für denjenigen ein ganz schlechtes Karma. Im nächsten Leben könnte er als Schnecke, wenn nicht sogar als Schnecke ohne Häuschen wieder geboren werden und er wäre somit immer der Gefahr des Zertretens ausgesetzt. Gut für die Kuh, so kann sie überall und jederzeit relaxen.
Nach zwanzig Stunden treffen wir in Banbassa ein. Am nächsten Tag überqueren wir auf unseren Rädern die Grenze nach Nepal. Hier gibt man uns die Aufenthaltsgenehmigung für einen Monat, nicht wie erwartet ein Zweimonatsvisa. Um aber das neue Visa für Indien beantragen zu können, müssen wir zwei Monate ausgereist sein. Wir nehmen einen weiteren Bus nach Pokhara und überdenken die Situation. Wir entscheiden: Wir werden nicht noch einmal nach Indien fahren!
Sicherlich hätte man uns das Visa in Nepal verlängert, doch irgendwie sagt das Bauchgefühl, das wir länger als zwei Monate brauchen um ,,Indien zu verdauen“ und uns erneut darauf einlassen zu können. Das Gefühl,so wie es Mewes beschreibt: ,, Indien macht mich zum Idioten, ich tue Dinge, die ich niemals sonst getan habe, wie Wasserflaschen in Autos schütten, Militärkonvois stoppen und Leute beschimpfen oder Backpfeifen austeilen.“ Und das alles, weil die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Inder im, zum Beispiel rücksichtslosen, besonders im Straßenverkehr gefährlichen Rangeln, oder im für uns unehrenhaften Geschäftsverhalten untergeht. Indien ist wie es ist, unglaublich in Bezug zu seinen Naturschönheiten, unglaublich tolerant im Zusammenleben der verschiedenen Bevölkerungsgruppen und unglaublich in seiner Überbevölkerung und den daraus erwachsenden Problemen. Und weil sich ,,Mutter Indien“ voll auf uns drauf gesetzt hat, bekommen wir nun keine Luft mehr, steigen aus um wieder zu Atem zu kommen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.