Montenegro und mehr

Montenegro und mehr

Am Straßenrand sitzen zwei junge Männer, die sich eine Wassermelone teilen. Die unkomplizierteste Art so ein dickes Ding zu essen ist die, sie mit einem großen Suppenlöffel auszuhöhlen. Nicht nur diese Gemeinsamkeit verbindet uns, sondern auch die Tatsache, dass sie Montenegro auf Fahrrädern bereisen. Wir geraten ins Plaudern.
Ihre Beschreibungen des Landesinnern, die Berglandschaften, versprechen für die nächsten Tage herrlichste Eindrücke. Die Neugierde ist geweckt.
Es regnet! Wir bleiben zwei Tage in Kotor.
Nach dem Passieren der Stadttore wird der Blick unweigerlich auf zwei Geldautomaten gelenkt. Hat man sich hier bedient, ist man für alle Verlockungen gewappnet, die da sogleich in Form von Sahnetorten und Kaffeedüften die Sinne ansprechen.Wir ignorieren die Lockrufe. Es ist spannender die Altstadtgassen zu durchstöbern, die eng, verwinkelt, gleich einem Labyrinth das Zentrum bilden und erkunden die alte Stadtmauer, die sich an der Bergflanke steil nach oben windet. Der Ausblick über historisches Gemäuer zeigt nicht nur Dächer, sondern auch die nächste Regenfront, die uns für mehrere Stunden in einen Verschlag flüchten lässt. Es stinkt nach Urin. Wir sind nicht die einzigen, die hier Zuflucht suchen, aber die, die am längsten aushalten. Immer wieder das gleiche Schauspiel: Leute stürzen, schon vom Regen gezeichnet unter das Dach, schnaufen einmal kräftig durch, registrieren: Abort! Und weg sind sie.

Die Berge rufen.
Die Straße führt am Fjord entlang. Der Vergleich mit denen Norwegens ist nicht unangebracht. Allerdings dürften Luft- und Wassertemperatur um einige Grad Celsius höher liegen. Das GPS verweist uns auf die alte Passstraße, die jedoch durch die Ortschaft nicht eindeutig zu finden ist. Zwei Frauen sind behilflich: ,,Seit zehn Jahren wird sie schon nicht mehr befahren. Die Neue ist viel besser.“ erklären sie. Wir überlegen: ,,Wem ist am ehesten zu trauen ?“, den alten Weibern oder der Technik…

…einige Stunden später stellt sich heraus: die Weiber haben recht! Der Beweis, dass modernste Navigationstechnik nicht immer Kommunikation mit Menschen überflüssig macht, wurde uns dezent um die Ohren gehauen. Schön, dass sich beides ebenso gut ergänzt.

Im Anstieg, Mewes hantiert mit dem MP3 – Player, treffen wir auf einen uns entgegen kommenden Radfahrer. Er dreht die rockigen Klänge leiser und erklärt entschuldigend: ,, Normalerweise höre ich keinen Punkrock, aber über die Berge ist er echt hilfreich.“ Der andere grinst und zieht ebenso Stöpsel aus den Ohren. Nicht immer reichen besinnliche Töne aus Wald und Flur, das Geschwätz des Mitreisenden oder der Straßenlärm zur Unterhaltung. Manchmal braucht die eigene Trittfrequenz motivierende Vorgaben.
Nach regem Austausch über Erlebtes und Streckenverlauf verabschieden wir uns. Die Ziele liegen bedauerlicherweise in entgegengesetzter Richtung.

Die ,,Melonenradler“ sollen recht behalten. Eine Karstlandschaft, weit und menschenleer, breitet sich vor uns aus. Weiß schimmert Kalkgestein durch golden, glänzendes, sich in der Abendsonne wiegendes Gras. Zweihundert Meter von der Straße entfernt entdecken wir eine Quelle. Ein perfekter Zeltplatz. Wie schon am Abend zuvor ist die Suche problemlos verlaufen. Auch heute wäre ein Imbiss mit Bier und hausgemachtem Schinken zum Feierabend willkommen. Doch heute zeigen sich alle Höfe unbewohnt. Menschen, die auf Feldern die Kartoffelernte einbringen, haben sich allein aus diesem Grund hier eingefunden.

Bosnien- Herzegowina – Relikte der Vergangenheit

Noch immer liegen sie in der Erde und verbreiten Angst und Schrecken. Sie sind durch Totenkopfsymbole knallrot ausgeschildert. M I N E N ! Was ist mit nicht ausgeschilderten Minenfeldern? Gibt es solche? Wenn ja…? Wo sind sie? Wo sind die Relikte der Vergangenheit?
Nicht das wir darauf erpicht sind, Einzelstücke aufzustöbern, nein, das nicht, sie kommen nur das ein oder andere Mal beim Suchen eines Nachtlagers störend in die Quere.
Ein Anflug von Panik zieht durch den Körper, wenn im letzten Tageslicht noch immer die leeren Augenhöhlen der Totenkopfschilder aus dem Buschwerk stieren. Wie so oft sind es Berge, Pässe, die auf diese Art und Weise kontrolliert wurden, sind es idyllische Orte in scheinbar unberührter Natur, die heute von niemandem betreten werden können.
Nur langsam kommen wir voran. Die Nacht bricht herein.
Einige Kilometer vor dem Scheitelpunkt weicht der Steilhang, eine Lichtung wird sichtbar. Auf ihr stehen zwei Häuser. Eines, sieht wie eine Straßenwacht aus, das andere gleicht einer Berggaststätte. Wir klopfen an. Wir sind erleichtert, als man uns die Erlaubnis zur Übernachtung gibt.
,, Nein, Minen sind hier keine mehr, auf der Wiese könnt ihr überall stehen. Nur….manchmal haben wir wilde Tiere zu Besuch….Bären.“ so die Rede des Gastgebers.

Am nächsten Morgen, Mewes steckt den Kopf aus dem Zelt, grinsend zieht er sich ins Innere zurück und deutet mit einem Nicken nach draußen: ,, Schau dir mal unseren Bären an.“
Vor dem Eingang liegt ein großer, struppiger Hund. Er gähnt und streckt sich, schaut uns an und sein Blick sagt: ,,Schön, dass ihr wach seit. Dann können wir ja endlich frühstücken.“
Er weicht nicht mehr von unsere Seite. Interessiert beobachtet er jeden Handgriff. Das Entfachen des Benzinkochers, Müsli herrichten, das Kochen des Wassers, Überbrühen des Kaffeepuders…

Als die Räder beladen sind, trabt er voran. Wir haben nun einen vierbeinigen Reisepartner. Auf der Straße angekommen, die ersten Autos donnern hupend an uns vorbei, stelle ich die Frage: ,,Verscheuchst du ihn? Ich bring’s nicht übers Herz. Sein Zuhause ist hier. Wir können ihn unmöglich mitnehmen. Entweder er wird sich totlaufen oder jemand überfährt ihn.“
Natürlich lässt sich unser Freund nicht so leicht abwimmeln. Immer wieder nimmt er die Verfolgung auf. Ein zufriedenes Schwanzwedeln signalisiert kurz drauf: Da bin ich wieder!
,, Das wird nie etwas, solang wir bergan fahren.“ stöhne ich ,, Wir sind zu langsam.“
Plötzlich die Rettung…. Vor uns öffnet sich der Schlund eines Tunnels. Der Hund zögert, wartet. Mit einem letzten Winseln bleibt er zurück.

Kroatien – Split

Die Fahrt nach Split ist stressig. Wir sind Idioten, die sich in einem idiotischen Verkehrsstrom durch andere Idioten in die Stadt treiben lassen.
Etwas verspannt starten wir demzufolge in der Altstadt die Suche nach einem Hostel. Viel zu schnell wollen wir diese beenden und checken natürlich in eines ein, in dem für den gebotenen Service zu viel Geld verlangt wird. Aber das bemerken wir erst, als wir Waschmaschine und Trockner benutzen wollen und diese außer Betrieb sind. Handwäsche? Fehlanzeige! Nicht erlaubt!
Aber es gibt gleich drei Häuser weiter einen Waschsalon. Kosten – nicht mehr als sieben Euro und fünfzig Cent, pro Maschinenladung!

Split ist schön, genauso schön wie das Meer, die Boote der Wohlhabenden und Schönen. Schön lässt es sich flanieren, einkaufen, Kaffee trinken.Man zeigt gern was man hat und schaut ebenso gern auf andere. Für diese Art Vergnügen ist man am richtigen Ort. Heute fällt es mir schwer, mich damit anzufreunden. Ein Wohlgefühl will sich nicht einstellen. Mit der Kamera schleiche ich durch Marmorgassen, auf der Suche nach … Überraschungen.
Ganz oben stehe ich in einem Turm, lasse den Blick über rote Dächer und neu herausgeputztes Mauerwerk gleiten. Im Hafen liegen Riesendampfer. Schön ! – auch von hier oben betrachtet.

Österreich – Großglockner Alpenhochstraße eingeschneit

In Ljubljana spricht man vom hereinbrechenden Winter. Es ist kaum zu glauben, dass es nun doch soweit sein soll. Bei einer Tasse Espresso, in der Sonne sitzend, genießen wir ihre letzten warmen Strahlen. Ich fühle Herbst.

Der Schilderwald, der mit Schnee – , Schneeketten – , Rutschgefahr – , achtzehnprozentige Steigung – Warnsymbolen aufwartet, wirkt abschreckend.
,,Auf , pack mer’s!“ spornen wir uns an, treten kräftig in die Pedalen und denken überheblich: wer über Fünftausender kommt, den dürfte das hier nicht mal zum Schwitzen bringen. ,,Wurzenpaß“ – schlappe eintausenddreiundsiebzig Meter hoch. Dann stehen wir in Österreich und der Klang der Sprache ist kein Fremder mehr.
Am nächsten Morgen ist alles weiß. Eingeschneit! Wir sind in Villach, die Stadt liegt auf 500 Meter. Unser Vorhaben, die Alpen über die Großglockner Hochstraße zu passieren gerät ins wanken. Wir checken die Wetterlage, holen Infos aus dem Touristenbüro und reden mit den Einheimischen vor Ort. Zu spät! Die Sommersaison ist beendet. Die Straße bleibt geschlossen. Was tun? Auch am nächsten Morgen, das winterliche Weiß ist im Ort selbst auf ein Minimum geschmolzen, aber alles was sich höher als 1000 Meter über Meeresspiegel befindet, ist weiterhin in eisigen Klauen.
Wir kaufen ein Zugticket nach Salzburg. Somit ist das letzte nennenswerte Hindernis auf sehr komfortable Weise genommen. Natürlich nagt die Art und Weise der Problemlösung am sportlichen Gewissen. Auf einen würdigen Abschluss unserer großartigen Reise, eine Alpenüberquerung durch eigene Muskelkraft, müssen wir leider verzichten. Wir akzeptieren und beugen uns den Naturgewalten.

Deutschland – schöner Empfang

Als hätte es niemals einen Schneesturm gegeben, liegt Salzburg in einem warmen, gleißenden Sonnenlicht. Wir fahren vom Bahnhof weiter durch die Innenstadt. Plötzlich macht Mewes eine Vollbremsung. Nur um wenige Millimeter verpasse ich sein Hinterrad.
,,Oh, Mann, was war das denn?“ schimpfe ich
,,Da, vor dem Hotel,… da waren Reiseradler!“ ruft er, wendet und weg ist er.
Kurz darauf lausche auch ich ihrer Schilderung. Sie wollten über das Alpengebirge, jedoch von Norden nach Süden. Einen Wintereinbruch haben auch sie nicht erwartet. Mit dem nächsten Flieger geht’s zurück in die Heimat.Wir trösten uns gegenseitig. Es wird ein andermal geben.

Stoppt mich Sentimentalität oder ist es das Verlangen, ein Foto zu schießen? Ein Zöllner ist es jedenfalls nicht! Der deutsche Adler heißt uns willkommen. Und noch ein Schild zieht meinen Blick auf sich. ,, HUNDE AN DIE LEINE !! “ Wir sind zuhause.

Zum Glück gibt es auf heimischen Boden mehr als Gebote, Verbote und den erhobenen Zeigefinger. Einen überaus warmherzigen Beweis der Menschlichkeit schenkt uns eine Familie mit einer Einladung zur Übernachtung.
Wir sitzen auf einem Baumstamm. Nicht mehr lang und die Sonne verschwindet hinter den Berggipfeln. Dann werden uns die kalten Schatten ins Zelt treiben. Aber soweit kommt es an diesem Abend nicht, nicht bis zum Zeltaufbau, denn ein Mountainbiker stoppt seine eilige Fahrt vor uns und fragt: ,, Ihr sucht doch sicherlich nach einem Schlafplatz?“
,, Mhm….“ mit vollen Backen antwortet Mewes: ,, machen wir …“
,, Interesse bei uns zu schlafen?“ kommt das überraschende Angebot.
Als wir kurz drauf in einer warmen Stube Säfte deutscher Braukunst testen, Reiseerlebnissen lauschen und von Eigenen berichten, stellt sich ein Wohlgefühl ein. Wären wir Katzen, ein Schnurren wäre den ganzen Abend zu hören gewesen. …gut, das Bier hätte durch ein Schälchen Milch ersetzt werden müssen.

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