Lass mich auf dir, reiten meine geliebte Ruta 40

Lass mich auf dir, reiten meine geliebte Ruta 40

Ab Mendoza steigen wir auf, auf den Rücken der Routa 40. Doch welche Überraschung… der Verkehrslärm ist Ohrenbetäubend, die Luft Abgas geschwängert. Die Ruta gibt sich zickig. Sicher ist sie abenteuerlich, nur diese Art von Abenteuer haben wir nicht gewollt. Sie ist noch vereint mit der Ruta 7, welche den Schwerlastverkehr nach Chile bringt. Das heißt für uns 20 Kilometer durchhalten. Danach wird es entspannter.

Man sagt uns Pareditas ist der letzte Versorgungsposten. Danach gibt es mehrere Wege weiter in den Süden. Der eine schneidet San Raphael, den fahren die meisten. Diejenigen, die auf der Ruta 40 bleiben wollen, sollten eine Portion Abenteuerlust mitbringen. Je mehr Informationen man über die Strecke sammelt, desto verwirrender werden die Aussagen. So das man letztendlich einen schönen bunten Salat im Kopf mit sich trägt. Die einen sagen: die alte Rute gibts nicht mehr. Die anderen sagen: Die neue hat 30 Kilometer Asphalt, 30 Kilometer Schotterpiste und wieder Asphalt. Die Brücken über den Fluss existieren nicht. Wieder andere behaupten: zuerst 30 Kilometer Asphalt, dann 75 Kilometer Schotter und 60 Kilometer Asphalt bis Malargüe. Alle sind sich einig: da ist nichts – keine Versorgung, kein Wasser, kein Benzin. Wir fahren los. Nach 30 Kilometer ist die Strasse gesperrt. Die Umleitung ist eine Schotterpiste. Gut – nehmen wir. Böse Überraschung! Die schweren Räder versinken schlingernd im Kiesbett. Der Speed sinkt auf Schrittgeschwindigkeit. Teilweise müssen wir schieben. Ich zweifle an meinen Fahrkünsten. Verdammte Sch…, wir haben doch schon tausende Kilometer von diesen Dreckpisten unter den Rädern gehabt. Warum lässt sich diese hier nicht fahren?
Ein romantisches Abendlicht möchte dieses Abenteuer versüßen. Das Sahneschnittchen für diesen Tag macht der Gaucho, der seine Herde auf eine frische Weide treibt. Von ihm bekommen wir die letzte Auskunft. Diese klingt vertrauenswürdig. Die nehmen wir. am Folgetag fahren wir nicht die ausgeschilderte Umleitung, sondern gehen zurück auf die gesperrte Strasse. Bester Asphalt, etwas Rückenwind und die 30 Kilometer bis zur Schranke und dem Camp der Bauarbeiter sind bis kurz vor Mittag schnell zurückgelegt. Dies wäre auch unser letzter Umkehrpunkt. Hier am Fluss können wir noch einmal Wasser tanken und filtern. Weit bis zum Ende des Horizont sehen wir eine in die Landschaft geschnittene Erdnarbe. Es könnte der verlauf der neuen Ruta 40 sein. In der Landkarte und im GPS ist sie nicht wirklich vorhanden. Das Arbeitercamp ist verlassen. Es ist Wochenende. Niemand ist da, um Gewissheit zu verschaffen. Langsam nähert sich ein altes , verbeultes Auto. Der Alte steigt aus: ,,Ja, ja wir passieren jetzt die Schranke…. das ist die Ruta 40, die famoseste Strasse Argentiniens.“ und schon ist er wie ein Geist im Sandstaub verschwunden. Unten am Fluss verlieren wir seine Spuren. Es gibt zwei Möglichkeiten. Die Geschichte bleibt spannend. Für welche Richtung hat er sich entschieden? Wir machen erst einmal Mittagspause. Mit leerem Magen kann man nicht denken. Noch immer sind wir nicht sicher, wo wir uns genau befinden. Von hier sollte man eigentlich einen Staudamm und so etwas wie einen Campingplatz sehen. Weder das eine noch das andere ist vorhanden. Drei Fragezeichen schweben über unseren Köpfen. Nach rechts, wo die meisten Fahrspuren verlaufen? Nach links geht nur eine weg, weit hinten ist aber eine neue Brücke zu sehen oder sicherheithalber ganz zurück und die Strasse nach San Raphael benutzen? Wir entscheiden uns für rechts, durch den Fluss, er führt zum Glück nicht viel Wasser. Welch freudige Überraschung diesmal, oberhalb der Brücke ist die Strecke ganz frisch Asphaltiert. Wir legen einige Kilometer darauf zurück. Es ist unser Glückstag, wir finden im nächsten Arbeitercamp einen Vergessenen, der stolz erzählt: ,, Alles Asphalt, bis Malargüe.“
Der Wind schiebt schon lang nicht mehr. Er drückt kräftig von der Seite , manchmal von vorn. Feiner Sand piekst wie tausend Nadeln auf der Haut, juckt in den Ohren und brennt in den Augen. Ein Auge kneife ich zu, das windzugewandte Ohr verstopfe ich mit Klopapier. Sieht bescheuert aus, aber macht es erträglicher. So vergehen die Stunden. Ich bin wirklich froh, unter diesen Bedingungen nicht auf einer Waschbrettpiste das gewichtige Bike auf lange Distance schieben zu müssen.
Es wird Abend. Zeit für einen Schlafplatz. Nur mit dem Sandsturm ist es nicht so einfach. Weit und breit kein Baum, kein Busch, keine Estancia oder ein anderer brauchbarer Windschutz. Da ist eine Strassenunterführung. Die taugt. Direkt im Tunnel bläst es zwar auch wie verrückt, aber die Flanken am Hang sind im Windschatten. Wir richten das Lager ein. Dennoch ist die Nacht Windgepeitscht und wir müssen um das Zelt bangen. Womit wir nicht gerechnet haben. Der Sandsturm wechselt um fünfzehn Grad die Richtung und erwischt uns nun doch.
Früh sind wir auf den Beinen. Das Zusammenpacken erfordert Geschick und Wachsamkeit. Als die Heringe gezogen werden, muss ich auf dem zusammengefaltetem Zelt liegend sichern. Auf ein Frühstück verzichten wir freiwillig. Es ist nicht nur stürmisch, sondern mit weniger als fünf Grad Celsius für uns auch arschkalt.
Freud und Leid liegen immer sehr nah beieinander. Wieder auf dem Bike ist alles super. Hier ist die Windrichtung perfekt. Mit fast fünfzig Kmh fliegen wir dahin. Was für ein Ritt. Unvergesslich.

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