Chile – erster Teil – von den Anden zum Meer

Chile – erster Teil – von den Anden zum Meer

Ich schaue aufs Meer, auf den Horizont, diese unendlich scheinende Linie, die soviel Freiraum, so viele Möglichkeiten verspricht. Die Neugierigen hat sie immer angezogen, hat sie fasziniert, nicht mehr losgelassen. Auch dann nicht, als man noch behauptete, sie sei die Abbruchkante unserer Welt.

Mein Denken wiegt sich im Rauschen der Wellen, in ihren grün, blau, grauen Farben, im reflektierenden Licht. Meine Augen spielen mit dem Sand. Meine Hände möchten ihn berühren, ihn durch die Finger rieseln lassen, seine Wärme spüren.

So wie ich den Sand fassen möchte, so möchte ich dieses Land, dieses Chile fassen können.
Beim ersten Besuch, vor über zehn Jahren, begeisterte mich die wilde Natur des Südens. Heute reise ich durch den mittleren, den dichter besiedelten Teil. Ständig ziehe ich Vergleiche. Das ist nicht gut, denn das was ich heute sehe, kann mit dem von damals nicht mithalten. Ich muss aufhören zu vergleichen. Alles nehmen wie es kommt. Es wirken lassen, mich als Teilnehmer eines Tourismus in der Hochsaison fühlen, wie eine Nussschale auf dem Wasser schwimmen. Vielleicht mal hier herumdümpeln oder dort stranden, um irgendwann sich weiter treiben zu lassen, ohne mitgerissen zu werden.
Ein Tag kann so wunderbar entspannt beginnen, doch kaum berühren die Räder den Asphalt, wird es stressig. Der tägliche Überlebenskampf zwischen Autofahrer und Biker beginnt. Da ist nur wenig Platz auf den Straßen, man könnte sie teilen und mit Rücksichtnahme, Verständnis und langsamer Fahrweise gut miteinander auskommen. Aber wir befinden uns im Dschungel, in einem Dschungel in dem man sich am Asphaltband entlanghangelt wie an Lianen. Die, die am lautesten brüllen, am weitesten springen werden die ersten auf dem Sonnenplatz sein. Da kann es schon einmal vorkommen, dass ein kleiner zarter Radfahrer im Matsch zertreten wird. Die Ameisen werden ihn zerlegen und verspeisen.
Das ist die eine Seite der Zivilisation. Die wesentlich angenehmere sind die kurzen Distanzen zu Versorgungspunkten. Angst unterversorgt reisen zu müssen ist nicht existent. Überall gibt es Wasser, Nahrung, einen Platz zum Schlafen und sobald die Leute ihre Autos verlassen haben, transformieren sie zurück, werden wieder verständige Zeitgenossen, können sich wieder öffnen, werden freundlich, neugierig und liebenswürdig.

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