Wolkenspiel

Wolkenspiel

Mir winkt eine wunderschöne Cumuluswolke. Die Sonne läßt sie in reinstem weiß erstrahlen. Ich denke: Cumuluswolke?… Könnte ein Gewitter bedeuten… Doch wirklich daran glauben möchte ich nicht.
Auf dieser Seite des Bergpasses ist es sonnig, sonnig, sonnig. Ganz unaufgeregt überhole ich eine Eselkarawane, lasse mich nicht anstecken von ihrem hastenden Laufschritt. Wenige Minuten später erreiche ich den höchsten Punkt, habe einen freien Blick auf graue, träge Wolken mit dunklen Regenschleiern. Mein Magen knurrt wie ein argwöhnischer Hund, der ahnt, das es erst wieder an einem trockenen Ort etwas zu fressen gibt. Von einem Moment zum andern stehe ich staunend in windgepeitschtem Regen. Blitze schlagen zuckend ihre Finger in Pachamamas Rücken. Das Geräusch polternder Leiterwagen auf löchrigen Römerstraßen zieht über meinen geduckten Kopf. Es grummelt aus allen Himmelsrichtungen. Zu einem anderen Zeitpunkt, sitzend in einer Berghütte, an einem wärmenden Ofen hätte mich dieses Naturschauspiel begeistert. Jetzt treibt es mich ins Tal. Ich muß weg. Die Abfahrt währt nicht lange. Sie endet in einer Hochebene, die übersät ist mit Felsblöcken und Pampasgras. Aus dem Regen wird Hagel. Die Temperatur sinkt von sommerlichen 30 Grad Celsius auf erfrischende 15. Die Autofahrer schießen gewürgt von Panik in einem wahnsinnigen Tempo an mir vorbei. Haltlos! Kopflos! Was ist? Sind ihre Kisten aus Pappe? Fürchten sie die Transformation in matschige Häufchen. Ich suche nach einer Erklärung. Warum dieses hühnerhafte Verhalten, als würde der Schatten des Habichts über ihren Köpfen kreisen? Kommen da alte Urinstinke zum tragen? Sind Blitz und Donner das Signal zur Flucht, weil sie Tod bedeuten?
Die einzigen, die das Schauspiel gelassen beobachten, sind Lamaherden und deren Hirten. Als wollten sie sagen: “ Es kommt, es wird auch wieder gehen, so war es, so ist es, so wird es immer sein…“
Der nächste Pass umarmt die Regenwolken, hält sie zurück, nur der Wind bleibt mein einsamer Begleiter, schiebt mich in ein theatralisches Licht- und Schattenspiel. 

Es wird Abend. Ich brauche einen windstillen Zeltplatz. Eine Ruine bietet sich an. Sie ähnelt einer verlassen Karawanserei. Es ist ein Hof, umrahmt von Zimmern und Nischen, Schutz bietend, gleich einer Burg, perfekt geeignet für diese Nacht. Schnell ist das Zelt aufgebaut und eine Mahlzeit gekocht. Mit Sonnenuntergang wird es empfindlich kalt. Es wird Zeit, sich in die wärmende Geborgenheit des Schlafsacks zurückzuziehen. In der Nacht rangeln erneut die Naturgewalten wie zwei Ziegenböcke. Der Wind singt sein Klagelied, das Feuer des Himmels erleuchtet die sternlose Nacht. Donner läßt mich wieder an rollende Wagenräder auf Römerstraßen denken.

Am nächsten Morgen- Stille. Vorsichtig öffne ich den Reißverschluß der Zeltwand. Sie ist vereist. Mein Atem steigt in kleinen Wölkchen tänzelnd aufwärts. Raureif auf kurzgefressenen Gräsern reflektiert das sie streichelnde Sonnenlicht. Welch schöner Anblick. So mystisch, so friedlich, so traumhaft. Mit einem Kaffee warte ich auf das Erwachen, auf das eigene und auf das der zahlreichen Meerschweinchen, die ich am Abend zuvor in ihre Bauten flüchten sah. Und ich denke mir: Kommen und Gehen, gehen und kommen, so war es, so ist es, so wird es immer sein.

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